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13. Mai 2008, 23:32

Hinter'm Wohnen

von: CwB, www.andersleben.at

Die Architekturpsychologie, ein Ableger der Umweltpsychologie, erforscht seit den 1980er Jahren die objektiven Faktoren von Wohnräumen. Die Nachfrage, die davor schon bestand, wurde mit Feng-Shui zu decken versucht. Heute gelten einige der Feng-Shui-Regeln bereits als durch die Architekturpsychologie wissenschaftlich bestätigt, andere wiederum auch als widerlegt.

Selbstverständlich gibt es je nach Kultur bestimmte Eigenheiten: In Amerika hat man große Fenster, wodurch das Haus offen zu den Nachbarn ist. Nach innen kann man sich abgrenzen, jeder hat sein eigenes Zimmer. In Japan hingegen ist es genau anders herum: nach innen gibt es keine Unterscheidung zwischen für alle zugänglichen und privaten Räumen. Nach außen sind die Wohnungen jedoch geschlossen.

Auch wenn man in Ratgebern objektive Definitionen von Farben findet, wirken sie eigentlich individuell sehr verschieden. Jeder hat unterschiedliche Erfahrungen gesammelt und assoziiert vielleicht eine bestimmte, emotionale Erinnerung mit einer bestimmten Farbe. Auf nächster Stufe - zwischen verschiedenen Kulturen - ist es noch unwahrscheinlicher, dass man auf einen gemeinsamen Nenner kommt. In Asien etwa steht die Farbe weiß für Trauer, bei uns schwarz.

Laut einem Experiment von Patricia Valdez und Albert Mehrabian von der Universität Kalifornien fühlten sich Testpersonen in Räumen mit heller Farbe wohler, bei dunklen steigt die Anspannung. Hell gestrichene Räume wirken größer als dunkel gestrichene, die Farbe ist dabei egal. Die Helligkeit wirkt sich darüber hinaus noch positiv auf unseren Organismus aus. Dieser benötigt ja das Tageslicht, einen Ersatz können übrigens auch keine Vollspektrum-Lampen bieten!
Zur Farbtemperatur ist zu sagen, dass ältere Personen kühlere Farben, jüngere - und unter diesen speziell die weiblichen - wärmere bevorzugen. Ein interessantes Detail am Rande: Rot erzeugt - anders als viele Artikel zu diesem Thema Glauben machen - nicht die größte Aufregung, sondern gelb-grün. Rot wird aber meist in solch reiner Form eingesetzt, dass es mittlerweile als die Signalfarbe schlechthin gilt.

Ansprüche an eine (neue) Wohnung hängen stark von früheren Erfahrungen ab. Lebte man in einer Gegend mit vielen Einbrüchen, legt man bei der nächsten Wohungs-Suche großen Wert auf Sicherheit. Ist diese dann gegeben, gewöhnt man sich schnell daran und sucht nach dem nächsten Defizit.
Wenn ein Umzug nicht in Frage kommt, gestehen wir uns Misstände weniger ein. Wir verdrängen sie unter anderem, um unsere früheren Entscheidungen nicht bloß stellen zu müssen.

Wohnbedürfnisse können ähnlich der Bedürfnisse in der Maslow'schen Bedürfnispyramide in Grundbedürfnisse (Nahrung und Sicherheit), soziale, psychologische, Ich-Bedürfnisse sowie dem Bedürfnis nach Selbstverwirklichung unterteilt werden. Letztere werden aber erst bedeutsam, wenn die Grundbedürfnisse gedeckt sind. Selbstverständlich ist das Erreichen einer Stufe keine Garantie, dass die Bedürfnisse der darunter befindlichen Stufen alle auch gedeckt sind und das auch bleiben. Diese kann man - wie in der Maslow'schen Bedürfnispyramide - auch wieder verlieren.

Im Büro steigt der Stress-Pegel, wenn Angestellte die Beleuchtung oder die Temperatur an ihrem Arbeitsplatz nicht selbst regeln können. Auch wenn Orte fehlen, an die man sich zurückziehen kann, hat das dieselbe Auswirkung auf den Stress-Pegel.

"Ein Mann in einem Mietshaus muss die Möglichkeit haben, sich aus dem Fenster zu beugen und - so weit die Hände reichen - das Mauerwerk abzukratzen. Und es muss ihm gestattet sein, mit einem langen Pinsel - so weit er reichen kann - alles rosa zu bemalen, sodass man von weitem von der Straße sehen kann: Dort wohnt ein Mensch, der sich von seinen Nachbarn unterscheidet." (Friedensreich Hundertwasser. Österreichischer Künstler und Architekt, 1928 - 2000)

Quelle: Gehirn & Geist Dossier 2/2008 (S.70: ... oder lebst du schon? von Antje Flade sowie S. 78: Wohne lieber ungewöhnlich von Katja Gaschler)

Vor kurzem fiel mir in einem schwedischen Möbelhaus die Bedeutung der Materialien auf. Holz wirkt viel wärmer als Metall und andere künstlich hergestellte Materialien. Beim Einrichten sollte man meiner Meinung nach darauf achten, die Wohnung so behaglich wie möglich einzurichten. Dadurch wird man mit einem oft nur unbewusst wahrgenommenen, höheren Wohlbefinden belohnt - auch, wenn andere Materialien besser aussehen. In einer Wohnung möchte man schließlich wohnen, sich wohlfühlen und diese nicht nur auf Fotos betrachten, um mit denselben angeben zu können!

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Kommentare

14. Mai 2008, 22:26 die Türe zum wohlfühlen

von: Sári, www.kendo-tirol.com

Zum Thema Wohnen:

Die Eingangstüre eines Hauses die wir neulich betrachtet hatten, war mehr als eine \"einfache\" Eingangstüre! Bemalt mit Jahreszahlen der Hochzeit, Geburtsdaten, den Namen der Eltern, Kinder und Zeichnungen der Haustiere, einer Willkommensbotschaft: \".. sollte es jemals anders sein, komm doch in unser Haus herein..\" ist diese Türe wohl wesentlich mehr als ein Objekt, über dass man einen sterilen Raum betritt.

Erst neulich dachte ich intensiver darüber nach, welche Botschaft uns die Türe eines Hauses über ihre Bewohner vermitteln kann und in welch schöner Weise sich Alltagsgegenstände mit minimalen aber kreativen Aufwand für ein anderes Leben verwenden lassen! Das Beispiel dieser Haustüre zeigt, dass aus einem Objekt wesentlich mehr machbar ist als standartisiertes Wohnen welches in der Anonymität der Masse untergeht. Der Geist formt das Objekt/Körper und das Objekt/Körper reflektiert über den Geist.

Diese Türe ist mir außerordentlich symathisch! Sie ist ein Objekt, dass spricht und einlädt. Sie \"lebt\" durch den Geist, die Arbeit und die Gestaltung seiner Bewohner. Ich denke Wohnen sollte nicht \"für\" den Menschen, sondern \"von\" diesem selbst gemacht werden, seinem Leben und seiner Persönlichkeit entsprechend.
Dabei denke ich an meine Kindheit, in der ich von Hand hergestellten und mit Schnitzereien verzierten und bemalten Möbeln umgeben war. Manchmal haben diese Möbel Geräusche von sich gegeben, wenn das Holz gearbeitet hat. Meine Mutter sagte: \"Die Möbel sprechen\". Zu solchen Einrichtungsgegenständen entwickelt der Mensch eine andere Beziehung und entsprechend eine andere Wertehaltung, als zu jenen Massengütern aus dem Prospekt die auch der Nachbar bei sich stehen hat.

Szenenwechsel: Die Produkte der \"Livestyle\"-Einrichtungshäuser sind nicht nur exorbitant teuer, sondern auch minimalistisch, spartanisch, leblos, anonym und steril gestaltet. Es scheit fast, als wäre es zur Mode geworden in sterilen Wohnkatalogen zu leben. Welche Umgebung definiert unser Ego am besten? Leben wir für den Fall eines repräsentativen Besuches bei dem unser Image auf dem Spiel steht?

Oder auch: \"Wohnst du noch oder lebst du schon\" - so der Werbeslogan einer schwedischen Möbelfirma. Leider stellt auch diese jene Massenware her, welche die Arbeit jedes Tischlers im Kampf um den besten Preis vom Markt \"kehrt\".

Wohnen ist und bleibt zu einem sehr großen Teil eine Sache des Kapitals. Aber auch der persönlichen Einstellung.

Kommentare

14. Mai 2008, 23:44 Minimalismus und die Schweden

von: CwB, www.andersleben.at

Ich denke, die Termini "minimalistisch" und "spartanisch" können nicht nur negativ bei Livestyle-Häusern aufgefasst werden. Sie können auch durchaus positiv gemeint sein. Zum Beispiel wird oft japanisches Interieur so beschrieben - und dieses hat durchaus seinen Reiz.

"Leblos", "anonym" und "steril" hingegen drückt die Ausstrahlung, die so manche "moderne" Wohnung hat, ganz gut aus. Sofern man nicht gerade Arzt ist, von dem im Behandlungsraum - zurecht - eine sterile Umgebung gefordert wird, sollte man von dieser aber Abstand nehmen. Und selbst für eine Artzpraxis ist ein gewisser Grad an Wärme unabdingbar. Das habe ich durch meine berufliche Tätigkeit, in der ich mich seit längerem mit dem Erscheinungsbild von Ordinationen beschäftige, gelernt.

Zur schwedischen Möbelfirma möchte ich anmerken, dass man im Zuge der Corporate Identity liebevolle Details bemerken kann, die man bei anderen Massenmöbelhäusern vergeblich sucht. Keine Rechtfertigung - nur eine Anmerkung ;-)

Deiner Meinung, dass Wohnen eine Sache des Kapitals und der persönlichen Einstellung ist, kann ich nur zustimmen. Ich möchte diese Aussage sogar erweitern, das selbe trifft nämlich auch auf die Ernährung zu!

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