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17. August 2012, 00:27

Still und heimlich

von: CwB, www.andersleben.at

Soeben habe ich die Lektüre des 60er-Jahre-Klassikers „Der stille Frühling“ von Rachel Carson abgeschlossen. Nachfolgend die subjektiv betrachtet wichtigsten Punkte daraus - von denen manche auch heute noch relevant sein könnten.

Grundsätzlich herrscht in der Natur ein Gleichgewicht, in der jede Population durch seine natürlichen Feinde im Zaum gehalten wird.

Als es zu viele Menschen gab, um alle von den in der Natur vorgefundenen Früchten und Tieren zu ernähren, gab man das Nomadendasein auf und begann seßhaft zu werden und Landwirtschaft zu betreiben. In dieser Zeit waren die Felder noch klein und mit unterschiedlichen Früchten bepflanzt, wodurch auch die Schädlinge kaum ein Problem darstellten. Nach Einführung der intensiven Landwirtschaft explotierten die Populationen bestimmter Insekten, da diese plötzlich ein Überangebot an Nahrungsmitteln vorfanden. Die Monokultur stellt ebenso eine ideale Voraussetzung für die Verbreitung von Krankheiten dar. Oft werden aber auch fremde Tiere und Pflanzen aus fernen Ländern als „Mitreisende“ eingeschleppt, denen es an natürlichen Feinden mangelt, wodurch sie überhand nehmen können, oder es wird durch den Einsatz von Insektiziden das Gleichgewicht zwischen Populationen gestört – manche werden durch diese weniger dezimiert als andere und gewinnen so die Oberhand, können nicht mehr durch ihre natürlichen Feinde in Schach gehalten werden. Eine Überlegung meinerseits: ist es nicht auch beim Menschen so, dass er sich aufgrund fehlender natürlicher Feinde unbegrenzt ausbreitet?!

Während Jahrtausenden hat sich der Mensch an die zerstörerischen Mächte seiner Umgebung, der Natur, angepasst. Bei der Anpassung handelt es sich um einen Vorgang, der zahlreicher Generationen bedarf, und bei dem die resistentesten Individuen aufgrund gewisser Eigenschaften, die die Wahrscheinlichkeit, am Leben zu bleiben und Nachkommen hervorbringen zu können, erhöhen, selektiert werden. Resistenz entwickelt sich also nicht in einem einzelnen Geschöpf. Nun setzen wir gegen „Schädlinge“ und „Unkraut“ Mittel ein, an die auch wir nicht angepasst sind. Da Insekten meist mehrere Generationen im Jahr hervorbringen, entwickelt sich bei ihnen relativ schnell eine Resistenz. Menschliche Generationen folgen hingegen viel langsamer aufeinander, wir können uns also nicht schnell genug an unsere eigenen Erfindungen anpassen.

Das Erdreich ist unter Mitwirkung zahlreicher Organismen entstanden und wird durch sie fruchtbar – die Lebewesen benötigen wiederum die Nährstoffe aus der Erde, um zu überleben. Bekämpft man Schädlinge mit Insektiziden, zerstört man oft auch diese Lebewesen, die organisches Material abbauen, oder Pilze, die ihren Baumwirten behilflich sind, die Nährstoffe aus dem Boden zu holen – kurz all jene, die die „Überreste von Pflanzen und Tieren wieder auf ihre anorganischen Bestandteile“ [S. 64] zurückführen. Die Rückstände der Insektizide bleiben über Jahre und Jahrzehnte im Boden gespeichert und werden solange auch vom Boden an die Pflanzen weitergegeben.

Diese Chemikalien werden darüber hinaus von einem Organismus der Nahrungskette zum nächsten weitergegeben, Insektizidrückstände im Futter sind somit auch im Tier nachweisbar und werden dann über die Muttermilch an die Nachfahren weitergegeben. An dieser Stelle sollte man sich fragen, wer am Ende der Nahrungskette steht. So können also Schadstoffe vom Staubkorn-großen Plankton bis zu den größten Tieren – und bis zum Menschen – gelangen. Da sich die Konzentration derselben von Mal zu Mal durch Anreicherung erhöht, ist die Konzentration an Rückständen im Fleisch an größten. Während man die chlorierten Kohlenwasserstoffe auch von Früchten oder Gemüse nicht abwaschen kann, kann man zumindest die am meisten kontaminierten äußeren Blätter bzw. die Schalen entfernen. Die Sprühmittel lagern sich im Fettgewebe ein, auf das der Organismus – beim Tier wie beim Menschen – bei physischer Überbeanspruchung als Energiereserven zurückgreift. Somit kann die tödliche Wirkung auch erst verspätet einsetzen, z. B. beim Laichen der Fische im Herbst.

Die Natur beschränkt sich in ihrem Wirken nicht auf abgeschlossene Bereiche, setzt man an einer Stelle dem Wasser Schädlingsbekämpfungsmittel zu, gefährdet man die Reinheit des Wassers überall. Gelangen solche Stoffe ins Grundwasser, kann dies nicht wieder rückgängig gemacht werden, eine Ausdehnung kann nicht verhindert werden. Abgesehen von dem Wasser, das als Regen direkt in strömendes Gewässer gelangt, besteht dieses nämlich hauptsächlich aus Grundwasser.

Die menschliche Leber wandelt eindringende und aus dem Körper selbst stammende Gifte in weniger gefährliche Stoffe um. Durch Schädlingsbekämpfungsmittel, die zwar nur in geringen Mengen eingelagert, aber nur langsam wieder ausgeschieden werden, sind einige Organe – z. B. eben auch die Leber – von chronischer Vergiftung und degenerativen Veränderungen bedroht, welche sie dann in ihrer Funktion stören. Bei Leberschäden oder Vitamin-B-Mangel – beides kann durch Schädlingsbekämpfungsmittel hervorgerufen werden – kommt es zu einer Überproduktion von Östrogen, welche wiederum zu Krebs führt. Darüber hinaus greifen chlorierte Kohlenwasserstoffe und organische Phosphate unser Nervensystem an, wodurch es zu Gedächtnisschwäche und -verlust, Schlaflosigkeit und schizophrenen sowie depressiven Zuständen kommen kann. Oft gibt es auch Synergieeffekte – wenn sich zwei Insektizide in ihrer Giftigkeit gegenseitig unterstützen oder Weichmacher das Leberenzym hemmen, wodurch ein Schädlingsbekämpfungsmittel sein fatales Potential besser entfalten kann.

Jeder Schritt in der Energiegewinnung wird von einem spezifischen Enzym gelenkt. Durch Schädlingsbekämpfungsmittel werden die einzelnen Enzyme gehemmt, wodurch auch der Vorgang der Energieerzeugung blockiert wird. Missbildungen oder sogar Krebs können die Folge sein. Während eine große Dosis die Zellen sofort tötet, werden bei kleineren Dosen die überlebenden Zellen eher zu Krebszellen. Bei der Krebsbehandlung versucht man so die Krebszellen mit einer „Überdosis“ zu töten – schafft im selben Zug aber auch wieder Zellen, die die Vorstufe dieser sind und sich dazu entwickeln.

Als Folge des Sprühens wirken manche Pflanzen anziehend auf Tiere, die diese Pflanzen ansonsten nicht zu sich nehmen – einerseits ist das Herbizid giftig, andererseits kann auch die sonst verschmähte Pflanze giftig sein. Eine Gruppe der Herbizide stellen die Mutagene dar, die das Tier oder die Pflanze für die Schädlinge giftig machen, indem sie auch die Gene – also das Erbmaterial – ändern. Diese Manipulation bleibt oft auch in der nachfolgenden Generation erhalten.

Alternativ zum flächendeckenden Sprühen gibt es einige Möglichkeiten, die sogar besser wirken

  • das selektive Sprühen, bei dem nur einzelne Pflanzen behandelt werden und die Verhinderung ihrer Rückkehr der restlichen, verschonten Vegetation überlassen wird,
  • die Förderung der natürlichen Feinde,
  • das sofortige Entfernen von befallenem Holz, um das Übergrifen auf noch gesunde Bäume zu verhindern,
  • die Sterilisierung von Männchen, welche dann die nicht sterilisierten verdrängen,
  • der Einsatz von weiblichen Lockstoffen, um Männchen in eine Falle zu locken,
  • oder der Einsatz von Lauten.

Auch bakterielle Insektizide, die Insekten durch Bazillen – also Krankheiten – in Schach halten, wird als Alternative vorgestellt, da diese nur die Schädlinge, für die sie bestimmt sind, befallen. Ein kleiner Einwand meinerseits: die jüngere Vergangenheit hat gezeigt, dass manche Tierkrankheiten sehr wohl für den Menschen gefährlich sind. Man denke nur an die Vogelgrippe oder BSE.

Einen Widerspruch habe ich gefunden

  • Auf S. 180f. steht, dass auch kleine Mengen Gift, denen man Tag für Tag ausgesetzt ist, schlussendlich zu einer Vergiftung führen.
  • Bei Personen, „die in ihrem Beruf ständig mit derlei Stoffen zu tun haben“, konnte man hingegen nur geringe toxische Wirkungen entdecken. [S. 199]

Die im Buch erwähnten Schädlingsbekämpfungsmittel

... von denen übrigens laut Wikipedia die meisten nicht mehr erlaubt sind

  • Dichlor-Diphenyl-Trichlorathan (DDT)
    seit Stockholmer Konvention - 2004 - nur noch zur Bekämpfung krankheitsübertragender Insekte zulässig.
  • Heptachlor
    daraus hervorgehende Verbindung: Heptachlor-Epoxyd; Halbwertszeit von bis zu 2 Jahren
  • Dieldrin
    entsteht als Abbauprodukt von Aldrin in Pflanzen und Tieren; Herstellung, Verkauf und Anwendung mittlerweile verboten
  • Endrin
    giftigster aller chlorierten Kohlenwasserstoffe
  • Lindan
    z. B. für Mottenbekämpfung (S. 182)
  • Parathian
    Insektizid (S. 182)

  • Aminotriazol
    Unkrautvernichtungsmittel; „Moosbeeren-Chemikalie“ (S.189)
  • Aldrin
  • Malathion (S. 183)
  • Toxaphen
  • Chlordan
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