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25. April 2011, 20:32

Kraft des Grünen

von: CwB, www.andersleben.at

Der Biophilie-Hypothese von Edward O. Wilson, Harvard University, zufolge verspürt der Mensch eine Verbundenheit allem Lebendigen gegenüber und das Naturerleben ist notwendig, um gesund und glücklich zu sein. [1] Tatsächlich geht ein grünes Umfeld mit weniger psychischen Problemen wie Ängsten und Depressionen [2], aber auch mit weniger Zivilisationskrankheiten wie Diabetes, Herz-Kreislauf- und Lungenerkrankungen [1], einher. Der die Gesundheit fördernde Effekt beruht laut Jolanda Maas, EMGO Institute for Helath and Care, Amsterdam, vor allem darauf, dass Naturerleben Stress dämpft. [2]

Indirekt kann sich somit auch Wohlstand über das Naturerleben auf die Gesundheit auswirken. Ärmere Menschen können ihrer urbanen Umgebung weniger oft durch Reisen entfliehen und sind somit stärker auf leicht erreichbare öffentliche Grünflächen in ihrer Umgebung angewiesen.

Dass die Konzentrationsfähigkeit im Grünen steigt ist für Stephen Kaplan, University of Michigan in Ann Arbor, eine Bestätigung seiner attention restoration theory. Willkürliche Aufmerksamkeit, welche etwa beim Treffen einer schwierigen Entscheidung zum Tragen kommt, strengt an und ermüdet. Unwillkürliche Aufmerksamkeit, welche z.B. auftritt, wenn wir von etwas fasziniert sind und uns kaum davon losreißen können, fällt hingegen leicht. "Sanfte Reize" wie Vogelgezwitscher oder das Rascheln von Laub erlauben es, sich von den Anstrengungen willkürlicher Aufmerksamkeit zu erholen – im Gegensatz zur Reizüberflutung durch Verkehrslärm oder blinkende Neonröhren. [3] Auch beim Aufmerksamkeitsdefizits-Hyperaktivitätssyndrom (ADHS) hilft Naturnähe beinahe ebenso gut wie Medikamente. [4]

Virtuelle Natur – z.B. Naturbilder – hat eine ähnlich positive Wirkung auf die geistige Leistungsfähigkeit, jedoch nicht im selben Ausmaß wie echte Natur. Peter Kahn, University of Washington in Seattle, zufolge besteht die Gefahr, dass immer mehr virtuelle Natur die reale im kollektiven Gedächtnis ersetzt, da jede Generation einen eigenen Maßstab, wieviel Natur "normal" ist, entwickelt. Somit würden wir das Mehr an Erholung durch reale Natur in immer größerem Umfang verlieren. [4]

Auch die Szenerie des Naturerlebens hat Einfluss auf die Wirkung: laut Messungen der Körperreaktionen wirkt ein Wasserfall aktivierend, ein Wald entspannend, die Werte bei einer Felslandschaft liegen dazwischen – und ein verwilderter Wald entspannt nicht ganz so wie ein gepflegter. [2]

Pflanzen wirken nicht nur im Freien, sondern auch in Räumen: Zimmerpflanzen verbessern die Konzentration und das Gedächtnis, steigern das Wohlbefinden, Patienten benötigen nach einer Operation weniger Schmerzmittel, wenn sie freies Blickfeld auf Blumen und Pflanzen haben, der Duft von Lavendel, Orange und Kamille [5] mindert, genauso wie der Anblick von Pflanzen und vor allem deren Blüten bei Frauen, das Stressempfinden. Bei Männern zeigt der Anblick von Pflanzen hingegen wenig Wirkung. [6]

Quellen

[1] Die Kraft der Natur, Klaus Wilhelm, Gehirn&Geist 5/2011, S. 46
[2] Ebd., S. 47
[3] Ebd., S. 48
[4] Ebd., S. 49
[5] Balsam für die Seele, Dr. Jörg Zittlau, Gehirn&Geist 5/2006, S. 12
[6] Forschers Blütenlese, Nicolas Guéguen, Gehirn&Geist 5/2011, S. 50-54

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Kommentare

16. Mai 2011, 20:45 Natürlich...

von: Sari

... ich behaupte ja, dass es keine besonders neue Erkenntnis darstellt, dass der Mensch mit der Natur verbunden und in ihr verankert ist. Das wussten bereits die Griechen um 500 v. Chr. man denke nur an die Vorsokratik, die erste Naturphilosophie!

Vielmehr scheint es mir eine Charakteristik unserer Zeit zu sein, sich bei der Berufung auf Wissen von Experten zu berufen um damit scheinbar neues Wissen stützen. Doch was dabei verloren geht, ist das Bewusstsein dessen, was man unter einem Gelehrten ehemals verstand. Tatsächlich ist der Gelehrte eben das Gegenteil des Experten: der Gelehrte denkt vernetzt und sein Wissen greift in die Bereiche der klassischen sieben freien Künste über. Der Gelehrte spricht wahres, auch gegen den Kanon der Masse und steht mit seinem Namen für dieses Wahre ein. Der Experte hingegen richtet seinen Fokus auf ein Gebiet, er ist ein Kleingeist der das große Ganze nicht kennt und auch nicht kennen will, er ist ein Dilettant. Wahrheit ist für ihn reine Anschauungssache und Auslegung in seinem eigenen Spezialgebiet.

Davon bleibt selbstverständlich die Gewissheit nicht angetastet, dass der Mensch ein Wesen ist, der sich nur selbst erkennen kann, indem er die Natur vermisst und sich mit seiner Umwelt reflexiv auseinander setzt. Dazu gehört die Natur ebenso, wie die Zeit, der Mythos und das Mysterium des Seins und des Kosmos bzw. des Universums überhaupt.

... so viel sei zum Expertenwissen angemerkt und mir bitte nicht übel genommen. Der Rest bleibt unangefochten.

Kommentare

02. Juni 2011, 10:47 Mensch und Natur

von: CwB, www.andersleben.at

Gelehrter oder nicht — dass der Mensch mit der Natur verbunden ist, war eben diesem noch viel früher bekannt. Bereits zu einer Zeit, in der es noch keine Gelehrten gab und der Mensch eins war mit ihr, ohne den Wunsch, sie sich Untertan zu machen. Trotzdem hat er sich im Laufe der Evolution immer weiter von ihr entfernt. Das sieht man z. B. daran, wieviel Naturerleben wir heute als "normal" erachten.

Dass wir jemals wieder einen Zustand der Naturverbundenheit in dem Ausmaß erreichen, wie ihn die von den westlichen Forschern anfangs eher abwertend mit dem Attribut "primitive Kulturen" versehenen Populationen hatten, ist zweifelhaft. Die Unterscheidung Natur/Kultur basierte bei ihnen auf so einfachen Gegensätzen wie roh/gekocht [1] oder nackt/bekleidet [2] und nicht auf Wald/Beton wie bei uns. Deshalb scheint es mir wichtig, die uns verbliebene Naturverbundenheit zumindest zu bewahren — und dafür halte ist die Erforschung der positiven Auswirkungen vom Naturerleben auf den menschlichen Körper für durchaus richtungsweisend.

Dass uns die Natur immer noch keineswegs Untertan ist, haben wir gestern übrigens am eigenen Leib gespürt: ergiebige Regengüsse bescherten uns Wasser und Schlamm im Keller und im Garten. Der Platz des Menschen ist eben nicht über, sondern in der Natur!

Quellen

[1]: Mythologica I, Das Rohe und das Gekochte, Claude Lévi-Strauss, Frankfurt am Main, 1976
[2]: Mythologica IV, Der nackte Mensch, Claude Lévi-Strauss, Frankfurt am Main, 1976

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16. Juni 2011, 16:52 die Erhabenheit der Natur

von: Sari

Aber achtung in der Betrachtung:

a) der Menschen als Naturwesen - als ein "bios", d.h. ontologisch betrachtet - ist unumstritten, ebenso das Selbstverständnis des Menschen. Davon unterschieden:

b) die theoretische- und naturwissenschaftliche Betrachtung und Reflexion über den Menschen als ein in der Natur verfasstes Wesen.

Ich denke, diese zwei grundlegenden Voraussetzungen der Betrachtung müssen unterschieden und getrennt thematisiert werden.

In der Theorie wissen "wir" (gemeint ist die Wissenschaft, spezifisch die Anthropologie und Soziologie) nicht erst seit einigen Jahren, dass der Mensch mit der Natur verbunden ist.

Wenn jetzt also irgendein "Spezialist" die scheinbar neue Erkenntnis zum besten gibt, der Mensch sei ein Naturwesen, hat er alle Regeln der Wissenschaft verletzt, blamiert sich selbst und hat in hermeneutischer und wissenschaftstheoretischer Hinsicht alles ignoriert, was vor ihm gedacht wurde. Und das ist ziemlich peinlich.

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16. Juni 2011, 18:17 Keine neue Errungenschaft!

von: CwB, www.andersleben.at

Als neu werden diese Theorien nicht dargestellt. Sollte ich diesen Eindruck erweckt haben, ist es mir und meiner schriftstellerischen Unzulänglichkeit anzulasten — wie es vielleicht auch beim Rest der Kritikpunkte der Fall ist? Ich finde jedoch keinen Hinweis auf eine "neue Errungenschaft".

Die Biophilie-Hypothese erblickte übrigens Anfang der 80er Jahre des letzten Jahrhunderts das Licht der Welt, die attention restoration theory nur wenig später. Es war nicht meine Motivation, das Thema als neueste Errungenschaft anzupreisen. Für mich war der Artikel ein Denkanstoß, ich fand ihn interessant — was aber nicht bedeutet, dass ich erwarte, dass das jeder so sieht.

"Neu" — im Sinne von aus den letzten 5 Jahren — sind hingegen manche Studien und Auswertungen, die die dahinter stehenden Theorien auf die Probe stellen. Über deren Resultate bin ich zugegeben sehr froh. Erwähnt sei nur die Naturnähe in Verbindung mit ADHS — siehe oben.

Detail am Rande: "Wir" im Sinne der Soziologie sind auch vertreten. Beispielsweise ist die oben zitierte Jolanda Maas ihres Zeichens Soziologin.

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